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Martinigansl und Leopoldimarkt.

Martinigansl und Leopoldimarkt. Zwischen christlicher Bigotterie und Ballermann Dekadenz

Jeder kennt sie, jeder isst sie, jedem schmeckt sie, manche stopfen sie, die einen genießen deren Leber als Delikatesse, die Sodomisten wiederum budern sie, und spätestens seit Nils Holgerson tut sie vielen Leid. Ja es geht um die gute alte Mastgans die aus welchem Grund auch immer einmal im Jahr auf unseren Tellern vorzugsweise mit Rotkraut und Erdapfelknödel Platz findet und bis aufs Gebein abgenagt wird. Im ersten Teil meiner Recherche möchte dem Grund auf den Zahn fühlen, warum man jährlich diese durchaus delikate Massaker an Gänsen veranstaltet.

So wie wir sie lieben: Die Martinigans

Jeden November komme ich mir besonders christlich und sündenfrei vor. Der Grund: Ich verspeise mindestens zwei Gänse und saufe mich zumindest einmal am Leopoldimarkt im heimatlichen Klosterneuburg gediegen ins Out. Nun nagt es an mir, wie mein Kiefer an einem Gänsebein, warum ausgerechnet ich, der von vielen mit dem Antichristen verglichenen Schattengestalt, diese Traditionen aufrechterhalte. Ich habe keine Ahnung. Daher stellt sich folgende Frage – Will Jesus, dass ich mich der Völlerei hingebe? Ich sage nein und nach kurzer Vertiefung mit dem Thema stellte sich folgendes heraus.
 
Der heilige Martin war ein sehr bescheidener Mann. (Auch wenn im Wort bescheiden, das Wort Scheide steckt, möchte ich die Cafe22 community darum bitten die Aufmerksamkeit weiterhin am Artikel zu fokusieren und bitte nun nicht die Hände zum Schritt wandern zu lassen.) Sehr bescheiden, aber nicht weniger berühmt, durch etliche Wunder, er erweckte angeblich Tote wieder zum Leben und teilte seinen Soldatenmantel mit Bedürftigen, und sollte durch diese Taten zum Bischof ernannt werden. Seine eigene Bescheidenheit allerdings verleitete ihn sich vor der Ernennung zu drücken und er versteckte sich, und jetzt kommts, in einem Gänsestall. Die durchaus falschen Gänse, beispiellose Arschlöcher,  fingen an laut zu schnattern und verrieten den Martin. Somit wurde der Martin erwischt und der Arme wurde Bischof! Von diesem Zeitpunkt nimmt nun die geballte Christenheit Rache. Rache an der Gans und isst sie in Hülle mit Fülle.
 
Zweiter Gegenstand meiner wissenschaftlichen Betrachtung und Fragestellung ist, warum ich als Niederösterreicher immer schulfrei hatte und mich etliche Male mit Glühwein zu Ehren des heiligen Leopold betrank. Der Leopoldimarkt ist eine feste Institution in Klosterneuburg. Dies hat viele Gründe. Nicht nur der Tagadasprecher,  der seit Jahren Kultstatus erworben hat, die erste Feuertaufe des heurigen Weins, unzählige Schlägereien und das Autodrom, sondern auch das 1000 Eimer Fass kann man jährlich einmal runterrutschen. Fällt unser Blick aber abseits der weltliche Vergnügungen, stellt sich die Frage: Wer war der Mann im Hintergrund? Wer war Leopold, dem wir dies alles verdanken?

Heiliger Leopold mit seiner kleinen Frau

Folgendes Ergebnis. Leopold war um 1100 wichtiger Fürst im Heiligen Römischen Reich und hatte seinen Sitz in Klosterneuburg. Eines Tages ging er mit seiner Frau Agnes und deren teuren Schleier auf die Jagd. Hierbei verlor die gute Agnes, die mit Kaiser Heinrich verwandt war und den Reichtum in die Ehe brachte, ihren purpurroten Schleier. Das war ja noch nicht weiter wild. Zehn Jahre später allerdings war Leopold wieder auf der Jagd, und diesmal allein. Er erlegte hierbei einen Hirsch von unheimlicher Größe und auf seinem Geweih (30 Ender) war eben dieser Schleier vollkommen unversehrt verwurstelt. Leopold wusste, dies sei ein göttliches Zeichen, ließ sich nicht lumpen und ließ  das Klosterneuburger Stift erbauen. Am 15ten November 1136 starb der beliebte Babenberger Fürst, der sogar als Kurfürst bei der Kaiserwahl mitstimmen durfte. Wir feiern also den Tod von Leopold, und damit wir nicht trauern, ertränken wir unser Leid im Glühwein.

Trauern bis zum Umfallen: Ein Leopoldifanatiker



Ätzes:

16/11/2006, 16:58 | Lamy
Ich habe meine Hand ständig im Schritt und nehme sie wegen diesem Artikel auch nicht von dort weg.
Sollen wir nun feiern oder trauern? Ich werde einfach in Zukunft feiern dass es sogar ein Niederösterreicher geschafft hat so ein riesen Viech zu erledigen. Das alleine könnte man schon als ein Zeichen Gottes sehen.

16/11/2006, 12:26 | Mario
Ich bin meiner Pflicht des Trauerns dieser Tage auch recht ausführlich nachgekommen, zum Glück aber noch nicht umgefallen dabei... :-) Jetzt hab ich Gusto auf so einen Vogel bekommen und in der Hacke gibts nur Fettfleischlaberl... grrrrr

15/11/2006, 18:57 | strizzi
Es zeichnet den Autor aus, aus diesen zwei wahrlich großen Männern einen Artikel zu verfassen, der den beiden in Größe nichts nachsteht - und jetzt greif ich mir in den Schritt!